Leseprobe

Der Duft von frischem Heu und Neuanfängen

Die ersten Seiten des Romans. Mit dem E-Book lesen Sie alle 28 Kapitel in einer ruhigen Buchansicht – mit gemerkter Stelle.

Kapitel 1: Der Duft von frischem Heu und Neuanfängen

Die Luft im März war ein tückisches Ding, unbeständig zwischen den Welten. In Auenried, dort, wo die sanften Hügel des Auenrieder Hügellands sich wie ein schlafender Riese unter dem blassen Himmel dehnten, war dieser Übergang besonders spürbar. Wenn man im Windschatten der massiven, wettergegerbten Westwand der großen Scheune stand, konnte man für einen flüchtigen Moment glauben, der Frühling sei bereits mit voller Macht eingezogen. Die Sonne, ein bleiches Goldstück am Firmament, sandte Strahlen aus, die die erste echte Wärme auf die Haut zauberten. Das erste zarte, fast süßliche Grün, das sich mutig durch den Frost des Vormonats bohrte, vermischte sich mit dem herben, staubigen Aroma von altem Holz und Heu, das in den Tiefen der Scheunen den Winter überdauert hatte.

Doch wehe dem, der unvorsichtig um die Ecke bog. Dort, wo der Wind ungehindert über die freien, noch kahlen Ackerflächen von Lindenhof fegte, biss die Kälte noch immer unerbittlich zu. Ein schneidender, klammer Nordostwind, der durch Mark und Bein ging und jede Pore des Körpers zusammenzog. Er trug den Geruch von fernem Schnee und ungefrorenen Gräben mit sich, eine metallische Frische, die keinen Zweifel daran ließ, dass die Herrschaft des Eises nur mühsam zurückgedrängt wurde.

Jonas spürte diesen Wind nicht mehr. Oder besser: Er hatte gelernt, ihn als Teil seiner Arbeitsumgebung zu akzeptieren, so wie er die Schwielen an seinen Händen akzeptierte. Er stand am Rand der großen Weide, die direkt an den Hof angrenzte. Vor ihm lag ein Stapel neuer Zaunpfosten aus massiver Eiche, die Rinde grob geschält, das Holz von einer dichten, schweren Qualität. Er liebte das Arbeiten mit Eiche. Kiefer war billig und ließ sich leicht verarbeiten, aber nach fünf Jahren im feuchten Boden von Falkenbrück faulte sie weg wie nasser Karton. Eiche hingegen trotzte den Elementen über Jahrzehnte, wenn sie richtig gesetzt war.

Er griff nach dem Erdbohrer, einem schweren, handbetriebenen Ungetüm aus Stahl, das er „den alten Fritz" nannte. Sein Vater hatte es nach dem Krieg von einem Schmied in Falkenbrück anfertigen lassen. Die Griffe waren aus Eschenholz, glatt poliert von den Händen zweier Generationen, und die Spirale des Bohrers war aus einem Stahl geschmiedet, den man heute gar nicht mehr herstellte. Jonas wusste genau, wie er den alten Fritz ansetzen musste. Er spürte die Schwingungen im Holz, wenn der Bohrer auf einen Stein traf — ein Dialog zwischen Mensch, Werkzeug und Erde.

Er setzte die Spitze auf die markierte Stelle, dort wo der alte Pfosten nur noch ein morschiger Stumpf im Boden war. Mit einer rhythmischen, fast meditativen Drehbewegung bohrte er sich in die Tiefe. Der Boden war tückisch: Oben eine Schicht aus aufgetautem Schlamm, der an den Stiefeln klebte wie Pech, darunter noch eine Schicht aus gefrorenem Lehm, hart wie Beton. Jonas kannte die Geologie von Falkenbrück. Hier mischte sich der schwere Lössboden mit Schiefereinschlüssen, die von uralten geologischen Verwerfungen stammten. Manchmal stieß man in achtzig Zentimetern Tiefe auf eine Wasserader, die das Loch augenblicklich in einen kleinen Sumpf verwandelte.